Tödliche Überstunden: Der sinnlose Opfertod des Helden der Büroarbeit

    • Tödliche Überstunden: Der sinnlose Opfertod des Helden der Büroarbeit

      Der sinnlose Opfertod des Helden der Büroarbeit


      Matsuri Takahashi war 24, erfolgreich, bildhübsch und des Lebens überdrüssig, als sie am ersten Weihnachtsfeiertag 2015 vom Dach des Tokioter Firmenwohnheims der Werbeagentur Dentsu sprang. Im November hatte sie 105 Überstunden geleistet, in sozialen Medien waren ihre Hilferufe verhallt: „Es wurde beschlossen, dass ich wieder am Wochenende arbeiten muss. Ich möchte wirklich sterben“, schrieb sie. Niemand verstand, wie ernst sie es meinte.

      Arme Matsuri. Wer sollte ihren Lebensüberdruss wörtlich nehmen in einem Land, in dem laut einem Regierungsweißbuch fast ein Viertel der Unternehmen seinen Angestellten bis zu 80 Überstunden im Monat abverlangt? Dentsu, berüchtigt als harter Arbeitgeber, bedauerte damals ihren Tod, nicht mehr. Matsuris Mutter trug ihr gebrochenes Herz auf der Zunge, als sie mit einem trauergerahmten Foto ihres Kindes vor der Presse den sinnlosesten Freitod im modernen Japan beklagte: „Karoshi“.


      Vom tragischen Heldentum ist nichts übrig

      Seit Jahrzehnten steht „Karoshi“ für den japanischen Tod durch Überarbeitung. Es klingt so anmutig düster wie „Seppuku“, der Tod durch Bauchaufschlitzen. Noch Anfang der 90er-Jahre haftete dem Erschöpfungstod für die Firma etwas tragisch Heldenhaftes an. Japan boomte, Sony war, was Apple heute ist. Kühne japanische Nationalisten wähnten sich auf dem Sprung in die Liga der Supermächte.

      Mit dem Platzen der Immobilienblase und dem Niedergang des Wirtschaftserfolges im folgenden „verlorenen Jahrzehnt“ begannen sich die Werte zu verschieben. Aus dem Opfergeist Büro wurde ein Makel: 2015 musste sich Japan eingestehen, unter den G-7-Nationen die schlechtesten Produktivitätsdaten aufzuweisen. Dafür stand es unter den 34 OECD-Ländern in der Überstundenzahl mit 1719 (gegenüber etwa den deutschen 1371 Überstunden fast ganz oben. Allerdings noch deutlich geschlagen (mit 2113) von dem davoneilenden Rivalen Südkorea.

      Die Erkenntnis kam unter Schmerzen. Heute steht in weiten Teilen der Industrie Japans und in der konservativen Regierung Shinzo Abes „Karoshi“ für versagendes Management, mangelnde Produktivität und irregeleiteten Opfersinn. Oft genug ist es, was es immer war: bloßer Anwesenheitsbeweis, ein „Alle-Mann-an-Deck“ übermüdeter, zu Büroschlaf, aber keinem klaren Gedanken mehr fähiger Angestellter.

      Immer mehr Einsichtige wollen mit dem gefährlichen Unsinn Schluss machen. Manche Firmen zahlen Angestellten Prämien, wenn sie Überstunden vermeiden und zwingen sie, ihren gesamten Jahresurlaub zu nehmen. In anderen Unternehmen gilt ein Arbeitsverbot nach 20 Uhr, das Licht geht spätestens um 22 Uhr aus.


      Neinsagen ist schwer in Japan

      Dentsu, der Werbegigant Japans mit 40 Prozent Marktanteil, zählte nicht zu den aufgeklärten Unternehmen, die ihre Leute zu ihrem Glück zwingen. Das war Matsuri Takashis Verderben. Nach ihrem Freitod dauerte es über ein Jahr, bis Dentsus Präsident Tadashi Ishii, 65, mit seinem für diesen Januar angekündigten Rücktritt Mitte vergangener Woche die „volle Verantwortung“ für die Tragödie übernahm. Erst Wochen zuvor hatte sich Ishii dafür entschuldigen müssen, dass Dentsu Kunden um Millionen Euro geprellt hatte. Es war ein Skandal zu viel. Matsuris Tod allein hätte kaum gereicht.

      Nun durchsuchten japanische Ermittler Dentsu-Büros, um Hinweise auf ein fahrlässiges „Karoshi“ im Fall Takahashi zu entdecken. Was hätte die junge Frau in ihrer Verzweiflung tun können? Sie hätte auf seit 2014 geltende Arbeitsgesetze gegen „Karoshi“ verweisen und „Nein“ sagen müssen, sich verweigern und Maßregelung wie Vergeltung ihrer Vorgesetzten ertragen. Das ist viel verlangt.

      Zu viel verlangt von einer jungen Frau, die nicht mit Widerspruchsgeist, sondern mit Fleiß und harter Arbeit alles richtig gemacht hatte in ihrem jungen Leben. In ungezählten nächtlichen Übungsstunden hatte sie ein solch exzellentes Highschool-Examen hingelegt, dass sie an der elitären Tokio-Universität studieren durfte und sofort nach dem Abschluss bei Dentsu unterkam. Für japanische Eltern bedeutet das eine Traumkarriere. Besser geht es kaum.


      Depression unter falschem Namen?

      Man ahnt, wie die Eltern von Matsuri die erschöpfte Tochter beschworen, nach ihrer Festanstellung 2015 unbedingt durchzuhalten. Es werde besser mit der Zeit. Lehrjahre seien keine Herrenjahre, mögen sie gesagt haben, man kennt das auch anderswo. Womöglich sahen sie ihre Tochter auch zu selten, um ihr ganzes Elend ermessen zu können.

      Es sage niemand, „Karoshi“ sei nichts anderes als eine Depression, die einen Schuldigen suche. Das wäre zynisch. Depressionen, alltagspoetisch im Japanischen „Schnupfen des Herzens“ genannt, können immer eine Rolle spielen. Doch der Konformitätsdruck in den Büros ist keine Erfindung von Opfergruppen, sondern statistisch belegt.

      Das japanische Gesundheitsministerium stellte im Herbst 2016 fest, dass sich im vergangenen Geschäftsjahr (bis März 2016) 2310 Menschen das Leben nahmen oder es versuchten, weil sie ihre Arbeitsüberlastung nicht mehr ertrugen. Das entspricht beinahe zehn Prozent der japanischen Suizide.


      „Karoshi“ ist Gift für Familien

      Noch aber liegt die „Karoshi“-Grenze bei 80 Überstunden im Monat. Mancher würde schon 40 Stunden nicht bei Gesundheit überleben. Es ist nicht die reine humanitäre Einsicht, welche Japans Politiker und den mächtigen Wirtschaftsverband Keidanren bewegt, sinnlose Überarbeitung zu brandmarken. „Karoshi“ ist Gift für die Kampagne der Regierung, die mit Kinderprämien und flexibleren Arbeitszeitgesetzen für Familiengründungen wirbt. Noch mit geringem Erfolg.

      Die japanischen Sozialsysteme werden ausgehöhlt von einem doppelten Dilemma: fabelhafte Langlebigkeit, so erfreulich sie sein mag, steht einer zerstörerischen Kinderarmut entgegen. Die Asymmetrie zwischen zu langen Arbeitszeiten an Abenden und Wochenenden und Familien, die zu kurz kommen, entmutigt Ehen mit Kindern. Die Ausbildung ist zudem extrem teuer. Festanstellungen kommen seit der Finanzkrise 2008 einem Glücksspiel gleich, selbst mit dem bestem Universitätsabschluss.

      Immer mehr junge Japaner driften so in Gelegenheitsjobs (aus dem Deutschen entlehnt: „Arubeito“), wohnen zwangsläufig zu Hause und schaffen weder je finanzielle Unabhängigkeit, noch haben sie Chancen auf eine Anstellung, die das Gründen einer Familie erlaubte. Gut ausgebildete junge Japanerinnen sind dazu höchst wählerisch geworden; sie brauchen keinen Ernährer mehr. Die Scheidungsquote ist hoch. Man kann auch ohne Mann und Kinder leben. Und bequemer dazu.


      Die Jungen wollen so nicht mehr leben

      Ein noch recht junger Trend besorgt die Japaner: Zunehmend begehren selbst jene Auserwählten, die Jobs mit prächtiger Perspektive in renommierten Unternehmen ergattern, gegen die Zumutungen einer bedingungslosen Hingabe an die Firma auf. Sie sind aufgewachsen ohne ihre Väter, die Abend für Abend im Büro ausharren mussten, bis der Chef nach Hause ging. Die mit Kollegen mehrfach in der Woche zum Trinken loszogen, weil es so erwartet wurde.

      Nun werfen immer mehr ihrer Söhne nach wenigen Monaten ihre Karrieren hin. So wie die Alten, die sich wie leibeigene Samurai für die Firma opferten, sagen sie, wollen sie nicht leben. So wollen sie erst recht nicht sterben: Macht’s nicht wie die Väter, Tod dem „Karoshi“!


      Von Uwe Schmitt | Veröffentlicht am 03.01.2017


      Quelle: WELT/N24, www.welt.de, WeltN24 GmbH


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      Tragisch. Aber für Japan offenbar ziemlich typisch. Da kommt man sich mit seinen wöchentlich 5-15 Überstunden fast schon wieder faul vor, irgendwie...
    • das ist wirklich ein ernstes Problem in Japan. Ich habe schon Reportagen über dieses Thema gesehen, da wird von leuten gesprochen, die 80-100 stunden pro woche arbeiten.

      man muss aber auch eine sache verstehen, die in dem artikel nicht erklärt wird. Nach dem 2.WK fing es an mit diesem... ich nenne es mal system der gesellschaft. man muss ja auch dazu sagen, japan hat es seiner hart arbeitenden bevölkerung zu verdanken, dass es nach dem krieg wieder so schnell aufgebaut wurde und nicht zuletzt auf rang 2 der stärksten wirtschaftsnationen dieser welt landete (ich weiß grade nicht wie es heute aussieht, aber bis vor ca 15 jahren war die liste: usa, japan, deutschland). und das system sah so aus:

      die männer verschrieben sich sprichwörtlich mit ihrem leben der firma. die familie kam erst an 2. stelle. ein mann hat alles für seine firma getan und die firma hat alles für den mann getan. das kann man sich als europäer kaum vorstellen, es ging sogar soweit, dass sich die firma bei singles darum kümmerte, dass sie verkuppelt werden. männer haben dann auch so viel geld verdient, dass es für die ganze familie reichte. frauen waren in der regel hausfrauen. selbst wenn eine frau einen sehr guten schul- oder studienabschluss hatte, war es fast unmöglich einen job zu finden.
      die zeiten haben sich aber geändert und man bekommt von der firma nichtmehr das, was man früher bekam. die erwartung an die arbeiter, als wie die einstellung der arbeiter selbst gegenüber der firma haben sich aber kaum geändert und hinken der entwicklung hinterher.

      ps: es gibt auch viele schüler, die selbstmord begehen, weil das studium an japanischen privaten universitäten teuer ist (die staatlichen taugen nicht viel) und die schüler den erwartungen der eltern oft nicht gerecht werden können.
    • wenn man bedenkt, dass die maximale Arbeitszeit in D bei 50 Stunden liegen DARF
      sind 80-100 schon unmenschliche Zahlen.
      da darf man sich dann auch nicht wundern,
      wenn Leute das nicht durchstehen.

      teilweise versteh ich da aber auch die Eltern nicht.
      "Kind, du musst doch..." - einen Sch*** müssen die!
      aber das Karrieresystem in Japan ist eh was Verkorkstes.
      wenn du da keinen Uni-Abschluss vorweisen kannst bist du einfach mal - nix!

      Der in D hochgelobte Mittelstand und sein Handwerk,
      damit wäre man in JPN (muss man sich mal vorstellen!!!)
      schon Bürger 2. Klasse!
      da stimmt doch was grundsätzlich nicht!

      btw: ich hab das mit den 50 Stunden auch mal ´ne Zeit lang gemacht.
      in der 6. Woche hat´s mich dann einfach umgeschmissen.
      animestyle. :D
      nach Hause, Rucksack links, Schuhe rechts, in voller Montur aufs Bett
      und im nächsten Moment weg und 12 Stunden geratzt.
      vllt wär´s noch länger geworden, aber nach 12Std ging halt der Wecker los
      und der Tanz begann von vorn. :rolleyes:
      80 Stunden?
      No! F***! Way!
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    • Hier mal die Sicht aus dem öffentlichen Dienst:

      Im öD DARF man nicht mehr als 10h pro Tag arbeiten. Wenn es nötig ist, muss es sich hier um angeordnete Mehrarbeit handeln.
      Alternativ kann man für einzelne Tage auch mehr als 10h beantragen (z.B. ein RZ umbau, für den man mal Sa und So arbeiten muss). Hier müssen dann aber dafür andere Tage freigenommen werden.
      Wenn ich jetzt z.B. 10h und 5min arbeite und dann einen Dienstunfall habe, dann habe ich auch keinen Versicherungsschutz mehr durch meinen Dienstherren, was ihn in ganz andere Probleme bringt.
      Denn in so einem Fall muss dann erstmal der Steuerzahler für meine Unfallkosten haften, bis die Berufsgenossenschaft endgültig geklärt hat, warum der Dienstherr zugelassen hat, dass ich ohne Anordnung über 10h gearbeitet habe.
      Auch dürfen 10h Tage nicht zur Regel werden, sonst gibt es Mecker aus der Personalabteilung.

      Japanische Arbeitszeitverhältnisse wären hier also schon rein rechtlich nicht möglich^^

      P.S.: Offiziell gelten diese Regeln in ähnlicher Form auch für Polizisten und Berufsfeuerwehrleute (Natürlich auf deren 12h Schichten angepasst), aber da interessiert es die Dienstherren meist leider nicht, wenn da 80h+ die Woche geschuftet werden... :(
    • Man kann echt nur hoffen das sich an dem System bald was ändert.

      Ich hab auch mal 40 - 50 Überstunden in der Woche gemacht (+40 normale Stunden)
      Das hab ich nicht lange durchgehalten und nach ca.3 wochen habe ich ein
      Unfall gebaut, woraufhin ich gekündigt wurde.
      Sowas ist echt nicht witzig.

      Auch es es sich wahrscheinlich nicht ändern wird drücke ich den Japanern
      die Daumen das sich etwas ändern wird.
      Ab 1.09.2014 hab ich Arbeit. Bin nur Abends und am WE da.
      Mo. - Fr. ca. 16 - 21 Uhr / Sa.,So. Länger ^^


    • Anorax schrieb:



      Im öD DARF man nicht mehr als 10h pro Tag arbeiten.
      nicht nur dort, ist bei mir (im Handwerk) das gleiche.
      und wehe, du passt da nicht auf!
      dann klingelt gleich am nächsten Tag das Telefon:
      "Sie haben eine Verletzung der Arbeitszeit begangen!
      Blablablabla, Paragraphreiterei und Theorie!"

      /e/
      hab grad mal ´n bissl nachgeschlagen
      (hab aber niemanden getroffen, keine Sorge :D )

      deutsches Arbeitszeitgesetz schrieb:

      § 3 Arbeitszeit der Arbeitnehmer


      Die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer darf acht Stunden nicht überschreiten. Sie kann auf bis zu zehn Stunden nur verlängert werden,
      wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten oder innerhalb von 24 Wochen im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden.
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