Der poetische Realist des Anime - Ein Nachruf

    • Der poetische Realist des Anime - Ein Nachruf

      Zum Tode des großen japanischen Filmerzählers Isao Takahata.




      Die Phantasie – auch im Zeichentrickfilm gibt es sie selten ohne eine gute Portion von Realismus. Isao Takahata stand für die Erde unter den Himmeln,
      die sich sein Partner beim Studio Ghibli, Hayao Miyazaki, eroberte. Der sechs Jahre ältere Takahata hatte 1945 als Neunjähriger einen schweren Bombenangriff auf Okayama überlebt,
      eine Erfahrung, die er 1988 in seinem bedeutendsten Anime verarbeitete: Der Kriegsfilm „Die letzten Glühwürmchen“ erzählt vom Überlebenskampf zweier kleiner Kinder im ausgebombten Kobe.
      Es ist vermutlich der traurigste Animationsfilm der Geschichte und einer der bewegendsten Filme gegen den Krieg überhaupt. Ungeschönt, aber getragen von subtiler Poesie,
      rührt der Film auch an die Grenzen des Mediums. Die spärliche Bewegung wird zur Metapher für die Kostbarkeit des Lebens selbst.
      Bereits 1967 hatte sein Abenteuerfilm „Little Norse Prince Valiant“ auf innovative Weise mit beschränkter Animation gearbeitet – und dabei dem japanischen Animationsfilm einen internationalen Markt eröffnet.
      Gegen Ende des Films sind Sequenzen nur noch als Einzelbilder zu sehen – und wirken gerade deshalb modern und suggestiv.

      Dennoch dauerte es eine Zeit, bis man auch im Westen die hochstehende literarische Erzähltradition bemerkte, die hinter den oft reduzierten Bewegungsabläufen der Anime stand.
      1974 schmolzen Vorbehalte freilich wie alpine Eiskuppen in der Sonne, als Takahatas Fernsehserie „Heidi“ nicht nur die Kinderherzen eroberte;
      auch bei der Seniorengeneration war Takahatas detailreiche Nacherzählung der Spyri-Romane überaus beliebt.
      Während er im Studio Ghibli seinen Partner Miyazaki zur größten Entfaltung führte, widmete sich auch Takahata immer wieder Filmen von höchster Individualität.
      Acht Jahre arbeitete er an seiner letzten Regiearbeit „Die Legende der Prinzessin Kaguya“.
      Mit Freude und Wehmut bewunderte man diese epische Märchenerzählung: Freude, weil die einfache Geschichte um ein Mädchen, das ein Holzfäller in einer Bambuspflanze findet und für eine Prinzessin hält,
      ihre Leichtigkeit trotz aller Verdichtung nie einbüßt. Und Wehmut, weil sich eine Ära dem Ende zuneigte.

      Takahata, der nicht selber zeichnete, fand wechselnde Stile für seine Erzählungen. Hier waren es spontane Umriss-Zeichnungen, der denkbare Gegenentwurf zur computergestützten Animation der Konkurrenz.
      Auch noch beim Studio-Ghibli-Film „Die rote Schildkröte“ leitete er die Animationsabteilung.
      Neben seiner künstlerischen Arbeit war Takahata auch politisch aktiv. Er unterstützte die kommunistische Partei Japans und engagierte sich gegen Pläne von Premierminister Abe,
      Japan per Verfassungsänderung zur Militärmacht auszubauen. Am 5. April starb der große Filmerzähler 82-jährig an Lungenkrebs.

      quelle: >Frankfurter Rundschau<
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