Der Weltenrettermann

    • Der Weltenrettermann

      Hallo ihr knallharten Wandteppiche,

      manche von der alten Garde mögen mich noch kennen, die jungen Wilden sollten meine Legenden gelesen haben...wie dem auch immer sei, vor einigen Monden führten Anami und ich ein Autorenbattle durch. In eben jenem wurde die Geschichte "Der Weihnachtsrettermann" geboren und ohne viele Worte: hier die Fortsetzung, Have fun and take a ride on my Discostick!




      Der Weltenretterman

      "Angeklagter, erheben Sie sich." der Richter seufzte hörbar und rieb sich
      die Stirn, die er wiederum in tiefe Falten gelegt hatte. "Höre Sie mal,
      waren Sie nicht vor einigen Jahren schon einmal hier, weil Sie versucht
      haben das Weihnachtsfest zu retten?" der Richter faltete die Hände und
      stützte sein Kinn darauf ab. "Und dabei haben Sie ein kleines Kind
      getötet. Eine Tat, für die Sie ,bis vor vier Monaten, im Gefängnis
      saßen?" fragend blickte er mich an.
      "Ja, ja das ist richtig, eure Heiligkeit." sagte ich langsam und ruhig.
      "Heiligkeit?" der Richter blickte sich fragend um. "Weiß der Mann, dass
      er hier keine Audienz beim Papst hat?" Nun fiel es mir selber auf und
      ich schrie in den Raum. "Ehrwürdigkeit! Nein, euren Ehren. Ach, euer
      Ehren! Ja, Mensch jetzt hab ich es doch!" stammelte ich vor mich hin und
      erntete Blicke, die mir den Fremdschämfaktor dieser Aktion sehr
      deutlich machten.
      "Nun, wir alle wissen was diesmal vorgefallen ist, doch wir wollen die
      Geschehnisse noch einmal aus ihrem Mund hören." sprach der Richter
      deutlich in meine Richtung und unbemerkt zuckte ich ein wenig zusammen.
      Was wollten die nur von mir hören? Wie damals zu Weihnachten war alles
      nur ein tragischer Unfall und die Leute trugen, zumindest prinzipiell,
      an ihrem Unglück auch die Schuld! Doch würde man wohl nur wieder die
      tragischen Elemente der nun zerstörten Familie als Fragmente des Puzzles
      zulassen und das Befinden des Angeklagten ist nur ein Fenster der
      Gesellschaft, was zur falschen Zeit, am falschen Ort aufgestoßen wurde!
      Sollen diese Paragraphenreiter doch mit ihrer ohnmächtigen Onanie
      zwischen den Gesetztestexten weitermachen bis sie schwarz werden!
      Ich stand auf und war guter Dinge, dass bei einer lückenlosen Aufklärung
      der Dinge auch mein Standpunkt klar werdenwürde und damit einhergehend
      die Tatsache, dass man in mir auch letztendlich das Opfer sehen dürfte.
      Ein Frauenchor würde jeden meiner Schritte untermalen, während ich
      Lorbeerbeschmückt den Gerichtssaal verlasse und ein neues Zeitalter
      einläuten dürfte. Das Zeitalter der gelassenen Wut, die durch jahrelang
      drangsalierungen der Konsumgesellschaft einen Strick um den hals eines
      jeden einzelnen gebunden hat, bis man erstickt, durch ein Überangebot an
      allem was jemals existiert hat, existiert und in Zukunft existieren
      wird! Grenzen wurden überwunden und Menschen zu Marionetten gemacht.
      Einzelene zählen nur als Geldspender und werden vergessen sobald sie
      leer sind. Wie eine Tomatenmarktube drückt man alles heraus und schmeißt
      dann den verkrusteten Rest weg und der Himmel hängt dabei doch
      irgendwie ständig voller Geigen!
      "Also euer Ehren, ich werde mich hier und jetzt erklären und glauben Sie
      mir...am Ende sind Sie ein believer." ich grinste. Oh ja, mit so einem
      kleinen Wortwitz bricht man am Anfang das Eis. Ich grinste breiter. Es
      wurde nicht wirklich erwidert, doch mein Buddy der Richter konnte seine
      Objektivität nicht hier und jetzt aufs Spiel setzen. Dabei war klar,
      dass er und ich quasi ein einzelnes Gehirn waren. Wir wussten wie der
      andere tickt und das machte mich stark, denn ich konnte nur gewinnen.
      "Fangen Sie endlich an oder ich lasse Sie einsperren und den Schlüssel
      wegschmeißen." der Richter sprach streng und erneut sehr direkt. Oh ja,
      er spielte seine Rollen gut. Da würden die anderen hier staunen wenn ich
      am Ende, von einer Lasershow begleitet und auf einem loderden
      Streitwagen, die Hallen der Justitia verlasse!
      "Nun gut, es war wie folgt." Begann ich meine Erzählung von den unglaublichen Erlebnissen der vergangenen Tage.
      Vor kanpp vier Monaten wurde ich aus dem Gefängnis entlassen, für einen
      Mord den ich niemals begangen hatte. War es doch damals nur ein Unfall
      mit der Gurke und das Kind sollte niemals verletzte werden.
      Doch es geschah und nun konnte es niemand mehr ändern. Sauer auf die
      Justiz war ich nicht und auch nicht auf die Ankläger, konnten sie es
      doch auch nicht besser wissen und bei dem Verlust der Leibesfrucht kann
      man auch schonmal irrationale Entscheidungen fällen.
      Mit den paar mickrigen Kröten aus dem Gefängnis und ein paar
      Wiederingliederungsprogrammen wurde ich in eine kleine Wohnung inmitten
      eines umtriebigen Zentrums einer noch hektischeren Stadt gepresst. Ich
      mache keinen Hehl daraus, dass wohl meine Zelle mehr komfort und
      Privatssphäre enthielt, als dieser Einschlagkrater von Mietwohnung. Doch
      war ich immerhin frei und das wiederum ließ alles andere erträglicher
      werden.
      Andere besuchen nach dem Knast erstmal ihre Familie oder Freunde. Melden
      sich bei Bekannten und zeigen, dass sie wieder unter den lebenden Toten
      weilen und genauso hirnamputiert dem Mainstream folgen wie jeder andere
      auch.
      Doch für mich war derartiges Verhalten nur unsäglich ermüdend, dümmlich
      und schlichtweg hatte ich einfach niemanden zu dem ich hätte
      zurückkehren können. Mutter verbrannt, Vater von einer seltenen,
      südaustralischen Eidechse bei einer Kanutour nahe Chemnitz vergiftet und
      verstorben, Schwester hat sich einen goldenen Schuss mit 16 gegeben,
      weil sie ihr Insolin unwissentlich mit einem Junkie während einer Fete
      getauscht hatte (bis heute sind die Hintergründe mehr als schwammig),
      Großmutter wurde das Genick von einer Gans gebrochen, als sie diese für
      einen Weihnachtsbraten fangen wollte und mein bester Freund Júlio ist
      bei einem autoerotischen Unfall in seinem eigenen Kleiderschrank ums
      Leben gekommen.
      So streifte ich allein durch die Welt und es dauerte nicht lange bis ich
      in diesem umtriebigen Zentrum von stark Gesichtsbehaarten angesprochen
      wurde und man mir die beste Religion aller Zeiten aufschwätzen wollte.
      Auch ein Regelwerk hatten sie für mich parat. War ja ganz nett, aber ich
      hab kaum genug Aufmerksamkeitsspanne für eine folge Gummibärenbande,
      wie sollte ich mich da in so ein kleingedrucktes Buch reinfuchsen.
      Desweiteren sollte ich für den Bau diverser, ominöser Bauten spenden,
      wenn ich doch schon mal in der Gegend war. Sprich auf der Straße vor
      meiner Wohnung, da kam ich ja bekannterweise selten vorbei.
      Letztenendes ließen sie aber von mir ab, nachdem ich sie auf
      Gehirnwäschefreudige Jugendliche in einem deutlich dichter besiedelten
      Gebiet der Stadt verwies. Doch warnte ich sie auch vor und empfahl eine
      Gruppentherapie bei dem Alfa-Telefon, bevor sie dort wirklich Bücher,
      fast ohne Bebilderung, verteilen wollten.
      Quasi drei Schritte weiter schreckten Leute mich mit grausamen Bildern
      von verwundeten Kleinkindern ab, die in ihrer großen Not den Morgenurin
      von Ochsen trinken mussten, damit sie überleben konnten. Verstört wollte
      ich die andere Seite der Fußgängerzone nutzen, doch zu meinem erstaunen
      wollten die Leute mit diesen Bildern Menschen an ihren Stand locken und
      quasi als Augenheilung wurde eine junge Frau dorthin verfrachtet.
      Kurzer Rock, lange Stiefel, billige Dreadlocks, Hornbrille und ein
      Bolero von kleinen Kinderhänden in Ostindien feinstens geknüpft bezirzte
      mich mit ihrer feinen Stimme.
      "Hassen Sie nicht auch das Unglück der Welt? Ja, genau Sie! Sie mit den
      müden Augen!" sie zeigte vor versammelter Fußgängerzone auf mich und
      schulterzuckend kam ich zu ihr. "Sie haben mich. Ich hasse alles übel
      auf diesem blauen Planeten." sagte ich ihr schmunzelnd und ihre
      Mundwinkel stießen fast auf ihre Birkenstocksandalen. "ROT!" kreischte
      sie. "Rot ist dieser Planet! Von Diamentenblut umhüllt und auf den
      Schultern kleiner, hungernder Kinder gestellt! Unsere Regierung lässt
      zu, dass in diesem Land alle Wohlhabenden immer wohlhabender werden und
      während wir uns hier unterhalten, sterben dort unten die kleinen
      Kinder!"sie sah mir tief in die Augen und wollte mich mit ihrem
      enthusiastischen Feuer entweder anzünden oder küssen. Ich vermutetet
      ersteres und sagte spontan das, was ich für das Beste hielt.
      "Dann fliegen sie doch runter und nehmen eine Europalette Milchreis
      mit." Scheinbar traf ich hier auf eine junge, ungebildete Dame die auch
      noch eine Milchreisallergie hatte. Allein beim hören des Namens schwoll
      ihr Hals an und ihr Kopf wurde Tomatenrot.
      Der restliche Monolog ist mir entfallen, es wäre auch zu viel um es noch
      einmal wiederzugeben. Doch verlangte die gute Frau am Ende dennoch eine
      kleine Spende, damit ich reinen Gewissens morgen wieder so leben
      konnte, wie alle Tage zuvor auch. Nur mit dem Wissen, irgendeiner
      wildfremden Dame, mit viel zu knappen Rock und ein paar Bildern auf
      einem Plakat, Geld gegeben zu haben. Oder war es mit dem Gewissen, ein
      Stück mehr Güte in diese Welt getragen zu haben? Güte ist scheinbar
      mittlerweile wohl auch ein Konsumgut geworden.
      Nachdem ich kurz einkaufen war und mich am Eingang eines Mannes wehren
      konnte, der auf seiner kleinen Calypso-Steel Drum wirklich ein
      wundervolles Heinomedley zelebrierte und nun fragend nach Geld
      verlangte, stand ich wieder im Moloch Fußgängerzone. Vollgepackt mit
      zwei Taschen Schnittlauch und Frischkäse machte ich mich auf den
      Heimweg, doch schon nach wenigen Metern hörte ich ein quietschendes
      Geräusch direkt auf mich zukommen. Ein redseliger Torso, auf einem
      Skateboard geschnallt kam mit einem Becher auf den Kopf auf mich
      zugefahren. Wollte er ein wenig Geld? Natürlich.
      Sein Schicksal machte es ihm unmöglich ein normales Leben zu führen und
      nickend nahm ich seine Geschichte zur Kenntnis. Ich streichelte ihn zum
      Dank über den Kopf, doch er wollte Geld von mir haben. Als ich ihm
      erzählte, dass ich keines hatte entstand kurze Zeit ein peinliches
      Schweigen, bevor er mir einen Einkaufstüte aus der Hand riss und auf den
      Boden warf. "Für so einen Müll ist immer genug Kohle da, aber bei
      Bedürftigen kommt niemals etwas an!!" Die Szene ließ alle Blicke des
      Planeten auf mir ruhen und wo es früher nur ein tuschen war, hörte ich
      deutlich meine korrekten Übermitmenschen reden. "Dieser grausame
      Aristokrat! Fühlt er sich denn in seiner Überlegenheit nicht unwohl?"
      "So ein Arschloch!" "Ich gebe Skatern immer Geld, wenn ich sie sehe!"
      "Er sollte sich was schämen, der arme Mann muss doch auch leben!"
      "Einkaufen kann er, aber ein paar Euro für den Behinderten hat er nicht
      übrig." "Mach mal nen Ollie!!" Waren nur einige der Sätze, die sich in
      meine Synapsen einbrannten, wie das Siegel eines Cowboys auf einem
      Rinderarsch.
      Anfangs wuchs mir eine Krawatte, doch als verurteilter Mörder hielt ich
      mich zurück und wanderte demonstrativ glücklich pfeifend nach Hause. Vor
      der Haustür riss mir eine Tüte mit Lebensmitteln komplett, sie schien
      bei dem lebenden Torso und seinen kräftigen Oberarmen einen Riss
      bekommen zu haben. Schön verteilte sich der Frischkäse auf dem Boden und
      sofort stürmte meine 233 Jährige Vermieterin zur Tür heraus.
      "Das machen Sie aber heute noch schön sauber! Wie kann man nur so
      schusselig sein? Mit Leuten wie Ihnen, werden wir keinen Krieg mehr
      gewinnen." Lange blickte ich die gute Dame an und teilweise war ich
      ziemlich erstauntüber ihr kräftiges Lungenvolumen. Denn ohne Punkt und
      Komma trat sie verbal weiter auf mich ein, während umliegende
      Schaulustige über mich kicherten und der alten Dame natürlich recht
      gaben.
      Genervt von dem Geschehen der vergangenen Stunden wollte ich nur noch in
      mein Bett, doch mein Tag sollte heute vor der Haustür enden. Denn
      scheinbar hatte ich meinen Wohnungsschlüssel verloren und stand nun vor
      verschlossener Türe.
      Ich ging zu meiner Vermieterin und wollte mir einen Ersatzschlüssel
      besorgen, doch den hatte sie ihrer Tochter mitgegeben, die sie
      allerdings mit nach Frankreich genommen hatte, weil sie dort nun 12
      Wochen Urlaub machen wollte. Diese Konstellation war überaus befremdlich
      und auch die uralte Mumie konnte mir nicht genau erklären, wieso das
      alles genau so geschehen ist.
      Also rief ich einen Schlüsseldienst und scheinbar hatte ich eine
      Inflation der Berufsdiebe verpasst, denn nach 20 sekündiger Arbeit und
      geöffneter Tür schrieb mir der gute Mann eine Rechnung von 1500 € und
      eine Rechnungsbegleichung in den kommenden 14 Tagen.
      Nun platzte mir dann doch der Arsch, wollte doch jeder Mensch Geld von
      mir und niemanden interessierte mein Schicksal, dass ich doch selbst so
      wenig hatte. Der Schlüsseldiensttyp stand noch im Türrahmen, als ich
      wieder aus der Wohnung schritt und fest die Tür hinter mir zuzog und
      seine Rechnung in den Mund steckte und zerbiss.
      Was ich leider nicht mitbekam, war die Tatsache das ich den Mann die Tür
      so heftig vor die Nase schlug und das auch noch in so einem
      unglaublichen, fast schon Lottogewinnverdächtigen, Glücksfall von
      Zufall, dass sich sein Nasenbein direkt in sein Hirn schob.
      Schnaubend brach der Mann zusammen und zuckte nicht einmal mehr. Wie mir
      der, von meiner plötzlich erschienen Vermieterin, gerufene Notarzt
      bestätigte, hatte der Mann nicht den Hauch einer Chance.

      "Und nun, euer Ehren, sitze ich hier und werde erneut des Mordes
      bezichtigt. Dabei sollte allen Anwesenden klar sein, dass ich nur einen
      schlechten Tag hatte und alles ein wenig aus dem Ruder lief! Lieder
      schlafe ich auf der Straße als für so simple Arbeiten, so viel Geld
      auszugeben! Oder überhauüt an jeder Ecke Geld auszugeben! Ach, ich wette
      sogar die Penner im Park vermieten schon ihre Parkbänke, wie sonst
      sollen die sich ihren Suff überhaupt leisten können. Nun gut, ich
      beruhige mich. Ende, euer Ehren. Ich denke ich kann jetzt gehen."
      Heute kann ich sagen, dass der Richter doch kein Buddy von mir war. Oder
      er spielte seine Rolle so gut, dass er mich aus Sicherheitsgründen ins
      Gefängnis stecken ließ, denn ich schien eine Gefahr für die
      Allgemeinheit zu sein und vielleicht wollte er mich aber auch nur vor
      der Allgemeinheit schützen?
      Wie dem auch immer sei, erneut sitze ich hinter Gittern und bei guter
      Führung werde ich in wenigen Jahren wieder entlassen. Aber möchte ich
      überhaupt wieder in die Welt zurück, die mir alles nehmen möchte, wenn
      ich schon nichts mehr habe? Ich würde ja gerne die Welt retten, aber
      dafür müsste sie dafür auch mal bereit sein. Ich bin es.

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